CRPS verstehen, früh handeln, gemeinsam unterstützen - Wege aus dem Schmerz

Im Zuge unserer Serie “Bunz learn” beschäftigen wir uns mit Themen, die für unsere Ergotherapeuten oder Physiotherapeuten interessant sind. Ein regelmäßig wiederkehrendes Thema sind Fortbildungen, denn Therapeuten bilden sich gerne weiter. Da kommt schnell die Frage auf, welche Weiterbildungen machen Sinn und wendet man langfristig tatsächlich an. Heute stellen wir euch Wissen, Erfahrungen und Tipps von Sarah, unserer Physiotherapeutin, zum Thema CRPS zusammen:

Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS) ist eine oft unterschätzte, aber durchaus verbreitete Schmerzerkrankung, die häufig nach Verletzungen oder Operationen an Armen oder Beinen auftritt. Die Beschwerden sind meist extrem – und stehen in keinem Verhältnis zum ursprünglichen Trauma. Obwohl die Krankheit nicht selten ist, wird sie häufig spät erkannt und betroffene Patient:innen nicht ausreichend ernstgenommen. Sarah (26), selbstständige Physiotherapeutin mit Spezialisierung auf CRPS, bringt es auf den Punkt: „Je früher wir beginnen, desto besser können wir helfen – aber genau das ist oft das größte Problem.“

Warum frühe Diagnose entscheidend ist

CRPS ist eine Ausschlussdiagnose nach den Budapest-Kriterien: Der Schmerz muss deutlich stärker sein als zu erwarten, begleitet von Symptomen wie Hautverfärbung, marmorierter Textur, verändertem Haarwuchs oder borstiger Haut. Die Budapest-Kriterien verlangen für die Diagnose: einen anhaltenden, übermäßigen Schmerz; Symptome in mindestens drei von vier Kategorien (sensorisch, vasomotorisch, sudomotorisch/Ödem, motorisch/trophisch); objektiv nachweisbare Zeichen in mindestens zwei dieser Kategorien sowie den Ausschluss anderer Ursachen. Sarah hat erlebt, dass gerade diese optischen Anzeichen oft unbemerkt bleiben: „Viele Frauen rasieren die betroffenen Stellen aus Scham – und nehmen uns damit eine wichtige Beobachtungsmöglichkeit. Das passiert nicht bewusst, aber es macht die Diagnose schwerer.“

Eine Übersichtsarbeit aus 2023 betont klar: „Awareness of CRPS should be raised to promote prevention, early detection, and rapid escalation of therapy in refractory cases“ – also Bewusstsein schaffen, früh erkennen und bei schwierigen Fällen schnell die Therapie intensivieren (Bruehl, 2023, Lancet Neurology).

Therapieoptionen: Mehr als nur Entlastung

Medikationen

Studien belegen, dass Bisphosphonate (z. B. Neridronat, Clodronat) und kurzfristige Kortikosteroid-Gaben im frühen Stadium Schmerzen deutlich lindern können (Goebel et al., 2018, Pain Medicine). Sarah sagt: „Ich kann die Medikamente nicht verschreiben – aber ich kann Ärzt:innen gezielt darauf hinweisen. Das verändert oft den Behandlungsplan.“

Physio- und Ergotherapie

  • Spiegeltherapie (Mirror Therapy) und Graded Motor Imagery (GMI) zeigen signifikante Verbesserungen bei Schmerz und Funktion.

  • Eine systematische Übersichtsarbeit fand eine deutliche Effektstärke, wenn auch bei begrenzter Evidenzqualität (O'Connell et al., 2013, Cochrane Database).

  • Bei Kindern führte gezieltes Bewegungstraining kombiniert mit Hydro- und Desensibilisierungstherapie sowie psychologischer Begleitung in einer Fallserie bei 92 % zu Schmerzreduktion oder -freiheit.

Sarah betont: „Wir müssen Patient:innen aktiv einbinden. Das ist keine Therapie, die man passiv über sich ergehen lässt – Bewegung, Spiegelarbeit, mentale Übungen, all das muss gemeinsam erarbeitet werden.“

Manuelle Lymphdrainage (MLD)

MLD kann kurzfristig Schwellungen reduzieren, wirkt jedoch nicht immer direkt auf den Schmerz. Eine randomisierte kontrollierte Studie zeigt: MLD ist bei CRPS nicht überlegen gegenüber reiner Bewegungstherapie, kann aber den Einstieg in aktive Maßnahmen erleichtern (Veldman et al., 1999, Physical Therapy). Sarah sagt: „Wenn wir damit die Schwellung lindern, ist der Einstieg in aktive Übungen leichter – auch mental.“

Das Zusammenspiel macht’s – interdisziplinär denken

Sarah weiß, wie wichtig Kommunikation zwischen den Fachdisziplinen ist: „Wenn Patient:innen sagen ‚Ich ertrage selbst die Bettdecke nicht mehr‘, muss das bei uns sofort die Alarmglocken läuten lassen. Und wenn ich den Verdacht habe, greife ich zum Telefon. Ein direkter Anruf bei der Ärztin hat schon oft mehr bewirkt als lange Patientenberichte.“

CRPS-Patient:innen werden leider noch immer zu oft als überempfindlich oder hypochondrisch abgestempelt. Das ist für Sarah inakzeptabel: „Wir müssen zuhören, glauben und ernst nehmen – sonst verlieren wir wertvolle Zeit.“

Chronische Verläufe: Hoffnung nicht aufgeben

Auch nach Jahren lässt sich noch etwas verbessern. Ein Beispiel aus Sarahs Praxis: Ein Mann Ende 50 lebt seit 4–5 Jahren mit CRPS nach einem Berufsunfall – und arbeitet trotz der Erkrankung weiter. „Wir haben vieles ausprobiert, manches hat nicht funktioniert, aber wir haben gemeinsam kleine Strategien gefunden, die seinen Alltag erleichtern. Das geht nur, wenn Patient und Therapeut auf Augenhöhe zusammenarbeiten.“

Fazit

CRPS ist eine komplexe Erkrankung, die früh erkannt und interdisziplinär behandelt werden muss. Für Sarah bedeutet das:

  • Schnell handeln, gezielt behandeln: Medikamente, Spiegeltherapie, GMI, Bewegungstherapie.

  • MLD gezielt einsetzen, aber nicht als alleinige Maßnahme.

  • Teamarbeit fördern: Direkte Kommunikation mit Ärzt:innen suchen.

  • Patient:innen in den Mittelpunkt stellen: Ihr Körperwissen ist entscheidend.

„Ich sehe jeden Tag, dass es nicht nur um die richtige Methode geht, sondern um Vertrauen, Zuhören und das Gefühl, ernst genommen zu werden“, fasst Sarah zusammen.

Die Tipps von Sarah bieten wertvolle Einblicke für unsere Therapeutinnen und Therapeuten im Alltag. Sie – wie auch viele andere Kolleginnen und Kollegen an unseren zahlreichen Standorten – besuchen ihre Patient*innen direkt zu Hause. Du bist auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung? Dann schau doch auf unseren Jobseiten vorbei – wir freuen uns darauf, Dich kennenzulernen!

 

Quellen:

Bruehl, S. (2023). Complex regional pain syndrome. Lancet Neurology, 22(8), 705–717. PubMed
Goebel, A. et al. (2018). Low-dose intravenous immunoglobulin treatment for complex regional pain syndrome (LIPS trial). Pain Medicine, 19(8), 1735–1744. PubMed
O'Connell, N. E., et al. (2013). Interventions for treating pain and disability in adults with complex regional pain syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews, (4). Cochrane
Veldman, P. H., et al. (1999). Manual lymph drainage in complex regional pain syndrome type I. Physical Therapy, 79(6), 593–601. PubMed

 

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